Angedacht

Liebe Gemeinde! Jesus hat diesen bemerkenswerten Satz zu seinen Freunden gesagt, als er ihnen die Radikalität eines Lebens als Christ vor Augen führen wollte. Für den, der sein Leben nur halbherzig als Christ führt, könnte das womöglich tödlich enden, so seine dramatische Warnung.
Ich glaube, soweit muss man gar nicht gehen, um den Kern dieses Satzes zu verstehen. Es geht einfach darum, in seinen Bezügen bewusst und verantwortlich zu leben: „Kannst Du das, was Du tust, auch vor Deinem Gegenüber, vor Dir selbst, vor der Schöp-fung und vor Gott verantworten?“
Bei einer Flugreise ahnt man inzwischen von unserem schlechten Gewissen und bietet uns an, uns mit einer Geldzahlung den verursachten CO2-Ausstoß des Flugzeugs zu kompensieren - und wir fühlen uns gleich besser.
In anderen Bereichen ist das nicht so einfach: Wenn ich mich mit faulen Tricks im Betrieb gegenüber Konkurrenten durchgesetzt habe und den Führungsjob bekommen habe, kann ich mich hinterher schlecht mit einer Spende von meinen Gewissensbissen freikaufen.
Und wie war das, als man als Jugend-licher einem Freund die Freundin ausgespannt hat? Die neue Freundin war toll – aber die Beziehung zum alten Freund hat womöglich unheilbaren Schaden genommen.
Manchmal habe ich allerdings das Gefühl, ab einer gewissen Größe des Betrugs, des Schwindels, des Verbiegens der Wahrheit tut das vielen Menschen nicht mehr weh. Vielleicht ist manche Vorteilsnahme auch so selbstverständ-lich, dass derjenige gar kein schlechtes Gewissen bekommt. Anders kann ich mir manche offenbar so selbst-verständliche Korruption in vielen Teilen unserer Welt nicht erklären - und vermutlich gibt es das auch oft genug in der eigenen Umgebung, ohne dass wir es immer wahrnehmen.
Wie lebt es sich, wenn aufgrund eigenen Fehlverhaltens viele andere einen Verlust erleiden oder ihre Gesundheit gefährdet wird, oder deren Arbeitsplatz unsicher wird, oder oder oder … ?
Damit dieser Satz aus dem Munde Jesu wirklich die Menschen erreicht, müssen sie ein Gefühl für Recht und Unrecht haben – ein Gewissen, das anschlägt, wenn etwas nicht in Ordnung ist.
„Gewissensbildung“ – vielleicht ein antiquierter Begriff, aber sie scheint mir manchmal gegenüber vermeintlich wichtigerer Themen in der Bildungs-debatte vernachlässigt worden zu sein.
Das meint
Axel Bertholdt, Pfarrer